«Nur das solidarische Machen erzielt Wirkung»

Eduard Holliger arbeitet seit vielen Jahren für die Forschung bei Agroscope und ist federführend in der Feuerbrandbekämpfung. Nun wechselt er zum Schweizer Obstverband (SOV) und wird dort Leiter Innovation und Entwicklung. Beste Zeit, um einerseits Bilanz zu ziehen und gleichzeitig vorauszublicken.

SZOW: Wie hat sich der Pflanzenschutz im Obstbau in den letzten 30 Jahren Ihrer Tätigkeit bei Agroscope in Wädenswil verändert? Was würden Sie als grösste Meilensteine und Erfolge bezeichnen?
Eduard Holliger: In den letzten 30 Jahren hat sich die Zulassung bei Pflanzenschutzmitteln (PSM) immens verändert. Der gesellschaftliche Druck, deren Einsatz zu reduzieren, hat deutlich zugenommen und der Schutz von Umwelt und Gesundheit haben stark an Bedeutung gewonnen. «Das, was wirkt» ist nicht automatisch «bewilligungsreif». Grundsätzlich sind Bestrebungen, die Risikoreduktion von PSM weiter zu forcieren, begrüssenswert. Dies setzt jedoch eine wissenschaftliche, faktenbasierte Diskussion und einen Dialog (statt Prozesse/Klagen) zwischen den unterschiedlichen Interessensgruppen voraus.

Der Prognose- und Warndienst wurde stark hochgefahren, Prognosemodelle für mehrere Schädlinge wurden entwickelt und validiert (SOPRA). Die Schorf-, Falscher Rebenmehltau und Feuerbrandprognose wurde auf- und ausgebaut. Die Digitalisierung hat das Ablesen des Blattnassschreibers in der Parzelle abgelöst. Seit ein paar Jahren sind die Prognosen und Empfehlungen auch via Smartphone zugänglich. Pushmitteilungen der Fachstellen ermöglichen einen raschen Aufruf zum zielgerichteten Handeln.

Die Palette an möglichen Wirkstoffgruppen hat sich bei den Fungiziden und Insektiziden in den letzten 30 Jahren sehr erweitert. Bei Schorf wurden kurative Strategien möglich. Low-Input-Strategien ergaben erste relevante Erkenntnisse zur Rückstandsminimierung auf dem Erntegut.

Umgangssprachlich wurde aus dem Herbizidstreifen der Baumstreifen. Bei der Unkrautregulierung werden nachhaltige Strategien entwickelt, auch weil die Anzahl an verfügbaren Herbiziden in der Tendenz abnehmen wird und zur Bodenfruchtbarkeit Sorge getragen werden muss.


Mit dem Klimawandel tauchen neue Krankheiten und Schädlinge auf, die grosse Probleme bereiten und zu pflanzenschutzmässigen Notmassnahmen rufen (S. Artikel auf S. 9). Wo sehen Sie die derzeit gefährlichsten Problembereiche?
Wenn wir von Gefahr sprechen, denke ich an Quarantäneorganismen (QO), die im Ausland teilweise bereits grosse Schäden verursachen und die Produktion in ihrer Existenz gefährden. Die Verordnungen des Eidg. Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) und des Eidg. Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) zur Pflanzengesundheitsverordnung listen mehrere QO auf, die in der Schweiz prioritär zu behandeln sind. Zu den unangenehmen Problembereichen zähle ich deren Bekämpfung im Inland. Diese Massnahmen sind punktuell hart (Tilgung des Erregers, fehlendes Verständnis für Massnahmen), verhindern oder verlangsamen jedoch die Ausbreitung des QO in der Schweiz. Der Eidgenössische Pflanzenschutzdienst ordnet jährliche Gebietsüberwachungen an, um das Auftreten eines als QO geregelten Schädlings oder Krankheitserregers so rasch wie möglich festzustellen.


Die Marmorierte Baumwanze, der Japankäfer und die Kirschessigfliege haben sich schon ausgebreitet. Warten noch weitere «ungebetene Gäste» vor der Tür?
Ja. Daher müssen beim Handel mit Pflanzenmaterial die pflanzengesundheitlichen Vorschriften beachtet werden. Wir dürfen die Türe nicht sperrangelweit offenlassen. Dies ist wichtig, um die Einschleppung und Verbreitung von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen in die Schweiz zu vermeiden resp. zu verzögern. Basis ist die «Verordnung über den Schutz von Pflanzen vor besonders gefährlichen Schadorganismen» (Pflanzengesundheitsverordnung, PGesV, SR 916.20). Xylella fastidiosa (Xf) ist weltweit eines der gefährlichsten Bakterien für Pflanzen und befällt u.a. auch das Steinobst. In Europa tritt es bisher in Italien, Frankreich und Spanien auf.

 

Eduard Holliger wechselt von Agroscope zum Schweizer Obstverband.

 


Der Feuerbrand war wohl ein emotional forderndes Schwerpunktthema, das Ihre Tätigkeit lange Jahre prägte. Projekte wie «Gemeinsam gegen Feuerbrand» haben Fortschritte ermöglicht. Ist das Problem nun gelöst, nachdem der Erreger zum geregelten Nichtquarantäne-Organismus herabgestuft wurde?
Nein. Es konnten mit den Akteuren viele wertvolle Erkenntnisse im Umgang mit der Krankheit gewonnen werden und die gemachten Erfahrungen wurden mit der Branche laufend geteilt. Die Blüteninfektionsprognose für knapp 80 Standorte wird stark nachgefragt und trägt dazu bei, dass die geprüften PSM-Strategien risikobasiert angepasst werden können. Durch die Zusammenarbeit mit einer Firma wurde der Feuerbrand-Schnelltest entwickelt, der durch kantonale Stellen direkt vor Ort eingesetzt werden kann. Aus der Züchtung sind die feuerbrandrobusten Sorten Ladina und CH 201-Fred® hervorgegangen. Für den Hochstammanbau konnten mehrere robuste Apfelsorten mit guten Verarbeitungs- und Safteigenschaften empfohlen werden. Dank der koordinierten Kommunikation und des weiteren Wissenstransfers (u.a. www.feuerbrand.ch) haben wir in der Schweiz eine sehr gute Basis. Eine administrative Umteilung des Erregers zum geregelten Nichtquarantäne-Organismus entbindet die Branche grundsätzlich nicht vor dem Weiterführen des Feuerbrandmanagements. Die Herausforderungen bleiben die Gleichen – Umteilung hin oder her. Die pragmatische, zielorientierte Zusammenarbeit zwischen den Akteuren aus der Praxis und aus der Forschung gilt als Modell für kommende Herausforderungen. Darauf bin ich sehr stolz.


Die Applikationstechnik war ebenfalls ein Schwerpunkt Ihrer Forschungsarbeit bei Agroscope. Wie sieht die Bilanz aus heutiger Sicht aus?
Wir hatten bereits damals den richtigen Weg eingeschlagen. Die technischen Entwicklungen waren enorm; auch getrieben durch die steigenden Anforderungen an die gute landwirtschaftliche Praxis. In den 90er-Jahren verglichen wir (die Arbeitsgruppe Applikationstechnik), im Auftrag des damaligen Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft BUWAL (jetzt BAFU), unterschiedliche Sprühgerätetypen im Obst- und Rebbau. Eingesetzt wurde, erstmals in der Schweiz, auch ein Tunnelsprühgerät. Durch das Aufkommen der Hagelnetze hat sich dieser Gerätetyp in der Schweiz leider nicht etablieren können.

Gemessen wurde die Menge an Wirkstoffen, die effektiv auf die Pflanzenteile angelagert wurde. Ermittelt wurde auch die Wirkstoffmenge, die als Drift die Parzelle verlässt resp. als Drift direkt in der Parzelle auf den Boden gelangt. Das Baumvolumenkonzept wurde entwickelt und in der Praxis eingeführt. Die damals eingeschlagene Richtung stimmt bis heute voll und ganz. Die zwei Initiativen, über die wir 2021 abstimmen werden, haben einen starken Bezug zu den damaligen Anliegen (Schutz der Umwelt). Das Bewusstsein für notwendige Veränderungen ist in der Branche weitergewachsen. Es gilt, neue Erkenntnisse laufend umzusetzen, damit das angegebene Ziel (Risikoreduktion PSM) auch erreicht wird. Die Forschung und die Branche arbeiten an der Umsetzung der im Nationalen Aktionsplan PSM festgehaltenen Massnahmen, so u.a. im Ressourcenprojekt «Pflanzenschutzoptimierung mit Precision Farming».


Sie werden ab Februar 2021 für den Schweizer Obstverband (SOV) als Leiter «Innovation und Entwicklung» tätig sein. Was umfasst die neue Tätigkeit und wo möchten Sie neue Schwerpunkte setzen?
In der Funktion als Leiter Innovation und Entwicklung verstärke ich die Geschäftsstelle. Meine grosse Fachkompetenz und nachgewiesene Erfahrung im Obstbau sowie im Pflanzenschutz werde ich als Mehrwert für die Branche einbringen. Ich werde verschiedene Gremien und Arbeitsgruppen im Bereich Verarbeitung, Innovation, Entwicklung und Nachhaltigkeit leiten und bin für diverse Dossiers und Projekte für eine zukunftsorientierte und nachhaltige Weiterentwicklung von Schweizer Früchten und Säften verantwortlich. Ich freue mich ganz gewaltig auf diese Aufgaben.

Ein weiterer Schwerpunkt werden die Massnahmen zur Risikoreduktion von Pflanzenschutzmitteln sein. Hier wird die Branche stark gefordert werden.

Sollte, hätte, könnte, würde, bringen uns nicht voran, nur das solidarische «Machen» erzielt Wirkung.


Sie sind stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs Pflanzenschutz bei Agroscope und haben die Anliegen der Obstproduktion, wo Ihre Wurzeln liegen, wahrgenommen und eingebracht. Forschung für die Praxis war das Credo. Wie sehen Sie die Zukunft des Schweizer Obstbaus und der Obstbauforschung?
Ich bleibe mir treu: Forschung für die Praxis bleibt mein Credo. Mir ist sehr wichtig, dass mit den eingesetzten Ressourcen ein Nutzen für die Praxis erzielt wird. Mit einer noch besseren Bündelung der Akteure und deren Aktivitäten wird ein Mehrwert für den Schweizer Obst- und Beerenbau erzielt. Es steht nirgends geschrieben, dass alle alles machen müssen. Es gilt, sich gegenseitig optimal zu ergänzen.  Dazu gehört auch die verstärkte Projektarbeit mit dem Ausland. Die Interreg-Projekte sind hier als gutes Beispiel zu nennen. Die verstärkte Partizipation ist mir ein grosses Anliegen: Mehr Praxiseinbezug führt zu mehr Praxisnutzen. Grundsätzlich sind alle Akteure mit innovativen Ideen und ihren Möglichkeiten zur Problemlösung kommender Herausforderungen willkommen. Entwicklungen und Lösungsansätze für die Praxis sind ökonomisch eng zu begleiten, damit die Produktionskosten nicht zu Überraschungen führen. Die Branche als ein Nutzniesser der Forschung muss auch folgende Fragen beantworten können: Was nützt uns? Von was braucht es mehr? Was braucht es nicht mehr? Was kann der Beitrag der Branche zur Problemlösung sein? – Ganz im Sinne der Partizipation.

KEM