Die Geschichte des Apfels

Der Apfel begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden und ist auch eine Kulturleistung. Ein neues Buch widmet sich nun seiner Geschichte.

«Der Kulturapfel wird aktuell als Malus domestica bezeichnet und gehört zur Familie der Rosaceae», so profan beginnt das Buch der beiden in Oxford tätigen Biologen Barrie E. Juniper und David J. Mabberley. Doch auf den weiteren Seiten zeigt sich die erstaunliche Geschichte dieser Frucht, die die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet. Die ältesten archäologischen Beweise für das Sammeln von Wildäpfeln sind 12 000 Jahre alt, erste Belege für den Apfelanbau finden sich im heutigen Israel und sind 3000 Jahre alt. Dennoch zeigen die Autoren, dass der heute heimische Apfel ein Fremdling aus Zentralasien ist und gleichsam als «Wirtschaftsflüchtling» angesehen werden kann. 


Wiege des Apfels

Wie die Autoren eindrücklich belegen, befindet sich die Wiege des Apfels an den bewaldeten Hängen des Tian-Shan-Gebirges in Zentralasien (zwischen der chinesischen Provinz Xinjiang und Usbekistan). Hier waren die Voraussetzungen für die Evolution des süssen Kulturapfels aufgrund der geologischen, meteorologischen und ökologischen Bedingungen über lange Zeiträume günstig. Nicht unwesentlich bei der Ausbreitung der Samen waren Tiere wie Vögel, Bären und Wildpferde. Wie der Apfel genau seinen Siegeszug rund um die Welt angetreten hat, ist umstritten. Sicher waren die antiken Griechen und Römer bei der Ausbreitung beteiligt, doch massgeblicher dürften die Kaukasier, genetisch verwandt mit den Kelten, gewesen sein. Sie nahmen den Apfel als Kulturgut mit auf ihre Wanderungen und besassen das Wissen für den Anbau, kannten wohl schon erste Veredlungstechniken. Dass gerade die Kelten quer durch den heutigen Kontinent Europa und hinaus bis Irland und Schottland das Wissen rund um die Äpfel weitertrugen und analog zu den Samen pflanzten, belegen zahlreiche keltische Ortsnamen mit der Silbe av. Selbst die mythenumwobene Insel Avalon erhält so eine neue Deutung als Apfelinsel. Erst im Sächsischen entwickelten sich daraus die Silben apf oder äpp, die sich phonetisch bis heute erhalten haben. 


Apfel als Symbol

Äpfel waren nicht nur süss und gesund, da vitaminreich, sie umgab auch bald die Aura des Göttlichen, fanden als Schlüsselsymbol Eingang in viele wichtige Erzählungen und Mythen. Angefangen bei der berühmten Paradiesszene mit der Schlange (in deren Ursprung vermutlich nicht der klassische Apfel gestanden hatte), ebenso in unzähligen Gedichten und Liedstrophen kommen Äpfel als erotisierende und sinnliche Metapher vor. In späteren Märchen und Legenden umrankt ihn auch das Böse, das jedoch häufig auch eine sexuelle Konnotation mitführte. Gleichsam seinen naturwissenschaftlichen Auftritt erhielt der Apfel, als er dem berühmten Newton auf den Kopf fiel.


Nutzung

Neben der Ausbreitung widmen sich die Autoren auch der vielseitigen Nutzung des Apfels. Gerade in Breiten, die nicht mehr für den Weinbau zugeschnitten waren, sprang der Apfel in die Bresche, um als Saftlieferant zu dienen oder Ausgangsmaterial für vergorene Getränke zu bieten. Auch wenn bereits die antiken Griechen und Römer die Herstellung von Cider kannten, wurde der Apfelwein besonders in anglosächsischen Ländern hoch geschätzt und forciert. Auch als idealer Kandidat für die Konservierung (Dörren und Trocknen) setzte sich der Apfel durch. Ebenso als Edelprodukt für die Destillation.

Zusammenfassend eignet sich Juniper und Mabberlys Buch (Abb.) nicht nur für Apfelprofis zur Lektüre, sondern für alle kultur- und geschichtsinteressierten Leserinnen und Leser, die mehr über die Ausbreitung dieser erstaunlichen Frucht wissen möchten. Dank der edlen Aufmachung und der vielen Illustrationen ist «die Geschichte des Apfels» auch ein perfektes (Weihnachts-)Geschenk.

 


Barrie E. Juniper und David J. Mabberley, 2022: Die Geschichte des Apfels, Haupt-Verlag, Fr. 36.–. ISBN 978-3-258-08264-6

Witziger Bildfund

Von unserem Leser Heinrich Bai wurden wir auf dieses Foto aufmerksam gemacht, das im Online-Schatz des Schweizer Nationalmuseums zu finden ist. Soll noch einer sagen: Hochstämmer liessen sich nicht recht schneiden…

 


 

© Schweizerisches Landesmuseum

SZOW

Ihre meinung