Guy Parmelin in Wädenswil

Am 29. März beehrte Bundesrat Guy Parmelin die Ostschweiz und kam nach einem Ausflug in den Thurgau auch nach Wädenswil, wo er sich das Weinbauzentrum zeigen liess. Dieser Besuch war mehr als nur eine Höflichkeitsvisite. Er zeigte, dass mindestens für ihn auch die Deutschschweiz einen wichtigen Platz auf der Weinlandkarte der Schweiz einnimmt.

Die Atmosphäre hatte fast etwas Klandestines. Als träfe sich ein Geheimbund. Die eintreffenden Gäste grüssten sich, lächelten sich zu, die meisten kannten sich schon von früher her. Scheu wurde auf die Uhr geblickt, nach einem Kaffee Ausschau gehalten, den es nicht gab. Stattdessen wurde Weisswein gereicht, konkret Zürcher Räuschling, was schon einem Statement glich. Die Eingangshalle des Weinbauzentrums Wädenswil (WBZW) füllte sich immer mehr, bis man die Information durchreichte, dass er angekommen sei. Tatsächlich hielt in diesem Moment ein unauffälliger, dunkelgrauer Kleinbus vor der Tür an und es stiegen mehrere Personen aus, darunter auch der Stargast: Bundesrat Guy Parmelin. Protokollgemäss wurde er sofort von Martin Wiederkehr, CEO des Weinbauzentrums und Präsident des Branchenverbands Deutschschweizer Wein (BDW), begrüsst und ins Innere begleitet. Parmelin lächelte den Anwesenden zu, erwähnte unumwunden den erlittenen Hexenschuss, was freilich kein Grund war, das strikte Tagesprogramm zu ändern. Und dies bedeutete für ihn, dass er zuerst stehend einige Begrüssungsreden abzunehmen hatte. 

 
Erste Reden

Nach einführenden Worten eines sichtlich stolzen Wiederkehrs (Abb. 1), sprach Kaspar Wetli in der Rolle des Verwaltungsratspräsidenten des WBZW, doch jeder der Anwesenden wusste, dass er letztlich auch als alt-Präsident des BDW sprach. Folglich verkniff er sich nicht den Hinweis, dass es letztlich einem Waadtländer Kollegen zu «verdanken» gewesen sei, dass die Deutschschweiz beinahe von der Weinforschung abgehängt worden wäre. Der Name fiel auch: Delamuraz, ebenfalls Bundesrat (1984 – 1998), ebenfalls dem Wein verbunden, aber nicht unbedingt ein Freund Wädenswils, wie sich herausstellte. Denn letztlich war es seine Idee, dass man alle önologischen Kräfte des Landes in Changins bei Nyon konzentrieren wollte, bereits damals in den 1990er-Jahren. Nun, die Geschichte ist wandelbar, wie man sieht, deshalb war es für die Verantwortlichen des WBZW eine sichtliche Genugtuung, dem Magistraten aus Bern, der ja – alle wissen’s – auch ein Fachkollege ist, den hiesigen Stand der Dinge zu präsentieren. 
 

Abb. 1: Martin Wiederkehr begrüsste Bundesrat Parmelin. (© SZOW)

 

 
Das Weinbauzentrum heute

Diese seit vielen Jahrzehnten bestehende Institution, die vom legendären Säulenheiligen Prof. Dr. Hermann Müller-Thurgau ins Leben gerufen wurde und bis zu Delamuraz’ Entscheid Weltruf genoss, existiert ja nur noch, weil unter den Bemühungen des BDW kantonale und private Kräfte gebündelt werden konnten, die den Betrieb ermöglichten. Mindestens ideell beteiligt war auch die Stadt Wädenswil. Deshalb war es nur logisch, dass auch der eben wiedergewählte Stadtpräsident Philipp Kutter ein paar Worte an den Bundesrat richtete. Indirekt zitierte er Frank Sinatra, bzw. dessen weltberühmten Song «New York» und meinte verschmitzt lächelnd, wer es in Wädenswil schaffe, schaffe es überall. Kutter ist, wie ebenfalls alle wissen, ja auch Mitte-Nationalrat in Bern und hat mit Parmelin schon mehrfach einen Kaffee getrunken. So nennt man bundesbern-intern eine gütliche Ausfechtung eines politischen Disputs, und somit war die Botschaft klar: Die Strahlkraft Wädenswils als Forschungszentrum der Deutschschweiz müsse erhalten bleiben. Der Bundesrat liess in seiner kurzen Replik durchaus erkennen, dass er die Hartnäckigkeit der Wädenswiler schätzen würde. 

 
Rolle von Agroscope

Als hätte das Drehbuch diese Wendung vorgeschrieben, war es nur folgerichtig, dass im Anschluss Christoph Carlen sprach. Als Leiter des strategischen Forschungsbereichs Pflanzen bei Agroscope, das ja im Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) bei Parmelin angesiedelt ist, verwies er auf das dreiköpfige Agroscope-Team, das beim WBZW arbeitet. Unter der Leiterin Katie Mackie-Haas wird hier die Forschung und Beratung für die Deutschschweiz gebündelt. Diese Tätigkeit sei mehr als nur eine Aussenstation von Changins, sagte der Walliser Carlen, auch wenn – wie ebenfalls alle wissen – sich Agroscope als Ganzes zunehmend von Wädenswil verabschieden wird. 

Parmelin, der joviale Welsche, wollte hierzu nichts sagen und liess sich in der Folge das WBZW-Labor zeigen. Danach wurde er in die Reben hinausgeführt, wo Mackie-Haas und Betriebsleiter Lorenz Kern die Auswirkungen des letztjährigen Hagels aufzeigten. Immerhin, und auch das nahm der Magistrat mit, würde man die Not zur Tugend machen und nun an verschiedenen Schnittsystemen die Folgen des Hagelschadens erforschen.

 

Abb. 2: Lorenz Kern führte Bundesrat Parmelin durch die Wädenswiler Reben.

 

 
Weitere Reden

Danach folgten weitere Reden (siehe auch Titelbild, © SZOW). So sprachen in zeitlich klar definierten Zweiminutenblöcken BDW-Geschäftsführer Jürg Bachofner, ZHAW-Direktor Urs Hilber, Strickhof-Direktor Ueli Voegeli, Müller-Thurgau-Stiftungsratspräsident Lukas Bertschinger und der Schreibende in seiner Funktion als SZOW-Chefredaktor. Letzterem war es ein Anliegen aufzuzeigen, dass der oben erwähnte Prof. Müller-Thurgau bereits 1901 in einem Vorwort der damaligen Zeitschrift für Obst- und Weinbau bemerkte, dass sich die beiden Erwerbszeige nicht nur qualitativ weiterentwickeln, sondern sich auch gegen die ausländische Konkurrenz behaupten müssten. Damit sei aufgezeigt, dass sich die Branchen auch heute mit denselben Problemen beschäftigen wie vor 120 Jahren.

 
Apéro mit Piwi-Sorte   

Zum Apéro wurde Parmelin hernach in den Weinkeller geführt, wo er zwei verschieden ausgebaute Weine der Piwi-Sorte Souvignier gris degustieren konnte. Von Kellermeister Thierry Wins trefflich beschrieben, präsentierte diese Traubensorte das breite Spektrum ihrer Ausbaumöglichkeiten. So war der eine Wein, als Resultat seiner Vergärung im Kunststoffei, spritzig-fruchtig. Der andere, der auf der Maische ausgebaut wurde, glich einem «Orange Wine» in Farbe und Struktur und stiess beim Magistraten durchaus auf Interesse.

Als Abschluss wurde das versprochene Buffet Realität und es waren dem Gast einige Bissen gegönnt, ehe er schon wieder die Fragen der anwesenden Journalisten beantworten musste. Daraus ist das folgenden Interview entstanden. 

Interview mit Bundesrat Parmelin – «Egal ob Bio, Piwi oder IP: Wir sind eine Branche»

SZOW: Herr Parmelin, dass ein Bundesrat in die Deutschschweiz fährt, um sich ein Bild über den Weinbau zu machen, kommt nicht alle Tage vor. Was nehmen Sie mit? 
Bundesrat Guy Parmelin: Uns ist es wichtig, zusammen mit den Kantonen an Lösungen zu arbeiten. Wir müssen Synergien finden, um gemeinsam etwas aufzubauen. Ich war heute morgen im Thurgau (bei Piwi-Winzer Roland Lenz, Anm. der Red.), um zu sehen, wo die Probleme liegen. Ich bin auch regelmässig in Kontakt mit Nationalrat Philipp Kutter, der mir die Situation in Wädenswil gut schildert.

Sehen Sie, bei jeder Reform gibt es Probleme. Es ist nicht einfach, die Gewohnheiten der Leute zu ändern. Das ist nicht nur in Wädenswil, sondern auch in Changins der Fall. Hier in Wädenswil habe ich den Eindruck, es funktioniere gut; die Zusammenarbeit zwischen ZHAW, Strickhof, Agroscope und Weinbauzentrum ist gut, aber natürlich hätte man gern die frühere Situation behalten. Doch dank Reformen werden auch wieder Mittel frei, die man in die Forschung stecken kann.


Tatsächlich bündelt Wädenswil viele Kräfte auf engem Raum… 
Ja, das ist wirklich beeindruckend. Aber solche Beispiele gibt es an mehreren Orten, auch in anderen landwirtschaftlichen Bereichen. Das ist der Weg, den wir beschreiten möchten und das ist letztlich auch der Wille des Parlaments. Wenn Optimierungen möglich sind oder neue Ideen auftauchen, wie z.B. die Zusammenarbeit zwischen Kantonen mit Agroscope verbessert werden kann, sind wir stets offen. Die Erneuerung von Agroscope ist ein Projekt, das anfänglich fast gescheitert wäre. Doch ich habe acht Monate lang mit fast allen Kantonen diskutiert. Ein Kanton wie Schaffhausen zum Beispiel sagte zwar, man hätten wenig Berührung mit Agroscope, dennoch war man bereit, im Rahmen einer «Privat public partnership» zusammenzuarbeiten, weil hier interessante technologische Optionen existieren. Aber man muss Realist bleiben, es werden nie alle gleichermassen zufrieden sein. Wir sind auf einem guten Weg, weil die Anzahl an parlamentarischen Vorstössen stark abgenommen hat. Die Parlamentarier wissen, dass sie zu mir kommen können, bevor ein Vorstoss erfolgt. Wenn ein Problem da ist, versuchen wir es zu lösen. Eine Motion braucht schliesslich zwei bis drei Jahre, bis sie umgesetzt wird.


Kurz zusammen gefasst, was ist Ihr Appell an die Weinbranche?   
Die Weinbranche Schweiz steht vor verschiedenen Herausforderungen, denken Sie an den Klimawandel. Wir haben Hagel, Mehltau, Frost. Dann haben auch internationale Krisen einen Einfluss. Deshalb ist jetzt der Moment, wo sich die Branche einigen muss. Egal ob Bio, Piwi oder IP: Wir sind eine Branche. Die Forschung muss für alle nützlich sein, mit diesem «Esprit de corps» ist auch das Weinbauzentrum nützlich für alle.


Zurzeit wird auch die Genomeditierung diskutiert, der Nationalrat hat den Bundesrat beauftragt, hier die Optionen auszuloten (s. Artikel «Wie weiter mit neuen Züchtungsmethoden?»). Wie stehen Sie als Winzer und Bundesrat zu diesen Technologien?
Ich bin kein Wissenschaftler. Aber ich denke, diese neuen Technologien muss man sorgfältig analysieren. Es wäre wirklich gut, wenn ein Chasselas keine Sensibilität auf Mehltau mehr hätte. Sie können sechs bis sieben Spritzungen einsparen, das ist gut fürs Portemonnaie, für die Natur, für die Konsumentinnen und Konsumenten. Wir haben jetzt ein Mandat und wollen das mal analysieren. Und Sie können sicher sein, die anderen Länder tun dies auch und wir können nicht isoliert bleiben.

Markus Matzner
SZOW

Kommentare

Wurde über die brennende Diskussion über die Zulassung von Spritzmittel auch gesprochen? Wenn nein, warum nicht?

Sehr geehrter Herr Schuler, besten Dank für Ihren Kommentar. Im Rahmen des Kurzinterviews mit Herrn Bundesrat Parmelin haben wir über die Genomeditierung gesprochen. Leider war es aus zeitlichen Gründen nicht möglich, Herrn Parmelin zur Zulassung von Spritzmitteln zu befragen. Freundliche Grüsse, Ihre SZOW

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