Neue Kirschensorten: Erfahrungen im Schweizer Anbau

Die Sortenwahl für Süsskirschen ist nach wie vor eine Herausforderung. Angesichts der hohen Erstellungskosten und der langen Amortisationsdauer einer Tafelkirschenanlage ist ein optimal auf Betrieb und Markt abgestimmtes Sortiment erfolgsentscheidend. Nachfolgend werden Erfahrungen aus der Sortenprüfung für aktuell diskutierte Sorten zusammengefasst. Neben den wichtigsten Frucht- und Baumeigenschaften werden Herausforderungen und Besonderheiten für den Schweizer Anbau beschrieben.

Die Sortenprüfung von Agroscope und das Sortenteam Steinobst (Prüfzusammenarbeit von Agroscope, FiBL, kantonalen Fachstellen und der Union Fruitière Lémanique) stellen unabhängige und regionaltypische Sortenbeschreibungen für Produktion und Handel bereit. Die meisten der hier zusammengestellten Resultate stammen aus den Prüfungen in Wintersingen (Steinobstzentrum Breitenhof), Wädenswil und Güttingen. Die drei Standorte bewirtschaften nach den Regeln der Integrierten Produktion (IP) unter Regendach und eingenetzt. Die Pflanzungen des Sortenteams Steinobst sind im Aufbau und werden ab 2020 Testresultate aus den Regionen sowie für den biologischen Anbau in die Beurteilungen einbringen.

 

 

Sortimentsziele

Die beiden Hauptsorten Kordia und Regina werden in der Schweiz in allen Regionen häufig angebaut. Neue Sorten in den Kirschenwochen (KW) 5 und 6 müssen einen eindeutigen Mehrwert gegenüber Kordia oder Regina aufweisen, damit deren Einführung Sinn macht. Im frühen Erntesegment (KW 1 bis 3) besteht nach wie vor grosser Bedarf an Sorten, die den hohen Marktansprüchen gerecht werden. Festig- und Haltbarkeit sind in diesem Segment unbefriedigend. Im mittelfrühen Bereich (KW 3 und 4) gibt es zwar eine Anzahl valabler Sorten, insbesondere Festigkeit, Haltbarkeit und Ertragskonstanz bereiten aber auch hier Probleme. Schliesslich gibt es ein Interesse für Spätsorten nach Regina, bei denen die Herausforderungen im Anbau (Kirschessigfliege, Starkniederschläge, Sommerhitze) besonders gross sind.

 


Testergebnisse

In dieser Gegenüberstellung werden ausgewählte Sorteneigenschaften beschrieben. Für ausreichend getestete Sorten (mindestens 4 bis 5 Jahre) werden die kompletten Sorteninformationen in den Sortenblättern zusammengestellt und auf www.obstsorten.ch veröffentlicht.

 


PA2UNIBO (3 Prüfjahre)

PA2UNIBO (Sweet Lorenz®) reift in KW 2 bis 3 und ist eine vielversprechende Frühsorte im Erntezeitraum von Merchant (Abb. 1 und 2). Sie hat hervorragende Kaliber (98 % über 28 mm) bei sehr guten Erträgen mit 16 t / ha im 4. Standjahr (2019). Die Sorte ist optisch und geschmacklich ansprechend und hat mit Durofel(25)-Werten über 70 eine sehr gute Festigkeit.

 

Abb. 1: PA2UNIBO, 18. Juni 2018, Breitenhof.

 

Abb. 2: Ungleichmässige Verzweigung bei PA2UNIBO im 4. Standjahr, 2019.

 

PA2UNIBO wächst zurückhaltend und verzweigt eher schwach (Gisela 6). Zusammen mit der Tendenz für hohe Erträge spricht das für die Veredelung auf mittelstarken Unterlagen. Einige Platzer am Stempelpunkt in den Fruchtmustern waren tolerierbar (rund 10 %). Die Platzneigung von PA2UNIBO muss aber weiter beobachtet werden. Die Sorte reift inhomogen und muss überpflückt werden.PA2UNIBO (S-Allele S3S4) blüht im mittleren Bereich, vor oder mit Grace Star.

Züchter: Stephano Lugli, Universität Bologna

 


Folfer (9 Prüfjahre)

Folfer (INRA, Frankreich) ist eine grosse, feste und aromatische Kirsche (Abb. 3) im mittelfrühen Bereich, normalerweise 10 bis 14 Tage vor Kordia (KW 3 bis 4), zusammen mit Grace Star. 2018 und 2019 wurden jedoch sowohl Folfer wie auch Grace Star fast gleichzeitig mit Kordia geerntet.

 

Abb. 3: Trotz Truppelbildung und eher kurzen Stielen kann Folfer gut geerntet werden. Deutlich sichtbar sind die ausgeprägten Stempelpunkte.

 

Folfer überzeugt als ausgesprochene Premiumsorte (99 % über 28 mm, 90 % über 30 mm). Die Fruchtfleischfestigkeit ist vergleichbar mit Durofel(25)-Werten von gleichzeitig reifen Sorten wie Grace Star oder Vanda, d.h. je nach Saison zwischen 65 und 75. Eine Ausnahme war 2015, in dem die durchschnittliche Festigkeit lediglich 53 betrug. Es wird vermutet, dass dies eine Folge von Hitzetagen kurz vor der Ernte war.

Herausforderungen der Sorte sind die mässige Tragwilligkeit (3 bis 10 t / ha), eine Neigung, am Stempelpunkt einzureissen, sowie der eher sparrige Wuchs. Es wird empfohlen, Folfer auf schwach wachsender Unterlage zu veredeln und den Blütenansatz sowie die Verzweigung mit entsprechendem Schnitt zu fördern (früher Nachernte-, Langast- und Zapfenschnitt, konsequentes Pincieren), womit auch die Platzanfälligkeit am Stempelpunkt verringert werden könnte. Inwiefern damit Fruchtgrösse und –festigkeit beeinflusst werden, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden. Der Blühzeitpunkt von Folfer (S6S9) liegt etwa in der Mitte der Kirschenblüte, zirka mit Grace Star.

Sortenvertreter: CEP Innovation

 


PA3UNIBO (2 Prüfjahre)

PA3UNIBO (Sweet Gabriel®) aus der Sweet Serie von der Universität Bologna ist die Sorte, die in der Prüfung am Breitenhof sowie in den ersten Praxisanlagen mit der besten Qualität der Serie überzeugt (Abb. 4). Sie ist gross (2018: 100 % über 28 mm bei moderatem Behang) und mit einem Durofel(25)-Wert von durchschnittlich 72 sehr fest. PA3UNIBO reift rund eine Woche vor Kordia und hat Potenzial für Verbesserungen des Sortiments in der Reifezeit von Vanda, Grace Star und Christiana.

 

Abb. 4: Elegante Erscheinung von PA3UNIBO.

 

PA3UNIBO ist sehr tragwillig, ihr Behang muss kontrolliert werden. Auf Gisela 6 konnten bereits im 3. Standjahr (2019) 13 t / ha geerntet werden. Die Fruchtqualität war in diesem Jahr jedoch nicht befriedigend. Unklar ist, ob der Grund Überbehang oder Hitze war. PA3UNIBO (S1S4) blüht wie PA2UNIBO vor oder mit Grace Star.

Züchter: Stephano Lugli, Universität Bologna

 


Henriette (2 Prüfjahre)

Die aktuell erfolgreichste Sorte (Abb. 5) aus dem Züchtungsprogramm von Hilmar Schwärzel (D) besticht mit einer sehr guten Pflückbarkeit und hervorragender Fruchtqualität: schön und gross, aromatisch, süss und fest (Durofel(25)-Wert 75 bis 82). Wegen der kurzen Prüfdauer von erst zwei Jahren und wegen Problemen mit der Baumgesundheit am Breitenhof kann im Moment noch keine detaillierte Bewertung gegeben werden. In Rücksprache mit dem Vertreiber Star Fruits bezüglich des sehr schwachen Baumzustands am Breitenhof wurde entschieden, die Bäume zu ersetzen und dabei Veredelungen auf Maxma 14 zu verwenden. Klar ist, dass die Sorte – entgegen den Ankündigungen – ungefähr mit Kordia reift. Die Blüte von Henriette (S1S6) ist eher spät (mit Kordia), das Wachstum schwach.

Sorteninhaber: Matthias Sommer

 

Abb. 5: Leichte Pflücke dank langen Stielen bei Henriette.

 

 


Fertard (6 Prüfjahre)

Fertard ist eine Züchtung der INRA (F). Sie reift mit oder kurz nach Regina. Fertard (Abb. 6) ist optisch sehr attraktiv, hat eine charakteristische Fruchtform mit ausgeprägter Schulter und einen schönen Glanz. 99 % aller geernteten Kirschen waren > 28 mm, 95 % > 30 mm. Fertard platzt nicht, ist robust gegenüber Monilia und sehr gut pflückbar.

 

Abb. 6: Die charakteristische Fruchtform von Fertard.


Abweichend zu vielen Sortenbeschreibungen lieferte Fertard am Breitenhof (Maxma 14) mässige Erträge mit 4 bis 8 t / ha. Zusammen mit dem vitalen Wuchs führt dies zur Empfehlung, Fertard auf schwach wachsender Unterlage zu veredeln. Breitenhof (2018) und FiBL (2020) pflanzten Fertard auf Gisela 6 zur weiteren Testung.

Der späte Blühzeitpunkt (mit Regina) von Fertard (S3S6) ist vorteilhaft bezüglich Spätfrostrisiko.

Sortenvertreter: CEP Innovation

 


Penny (6 Prüfjahre)

Penny aus dem Züchtungsprogramm von East Malling (NIAB-EMR, UK) ist eine überzeugende Kirsche im spätesten Reifesegment (Einstiegsbild), die ihre sortentypische Qualität 7 bis 14 Tage nach Regina entwickelt, wenn sie mindestens die Farbstufe 5 (Farbcode Ctifl) erreicht hat. 80 % der Ernte hat Kaliber > 28 mm, rund die Hälfte der Kirschen wird über 30 mm gross. Penny ist sehr platzfest. Sie bleibt auch in regnerischen Jahren stabil (unter Regendach). Penny erreicht auf Gisela 6 und auf Gisela 5 gute bis sehr gute Erträge, ohne zu übertragen. Der Baum verzweigt gut und hat eine moderate Wuchsstärke.

Wie für alle Spätsorten steigt auch für Penny das Risiko bezüglich Schaderregern und Wetterentwicklungen. 2019 erlitt die Sorte Hitzeschäden am Breitenhof wie auch an Teststandorten in Deutschland. Der Schutz gegen Kirschessigfliegen und Wanzen muss bei Penny konsequent durchgeführt werden, um die Sorte reif werden zu lassen.

Penny (S6S9) blüht spät (mit Regina) und hat damit ein kleineres Risiko für Spätfrostschäden.

Vertragsbaumschule: Frank P. Matthews

 

 

Sorten von Peter Stoppel

Der Züchter Peter Stoppel (D) hat eine Reihe neuer Sorten in Verkehr gebracht, die Prim- und Final-Serien, welche alle unter der Marke Cerasina® vermarktet werden.

Die Prüfung dieser Sorten durch Agroscope wurde bisher abgelehnt. Eine neutrale Beurteilung von unserer Seite kann aus diesem Grund vorerst nicht abgegeben werden. Vor Kurzem konnten die Sorten aber von öffentlichen Prüfstellen in Deutschland gesetzt werden und wir werden uns um eine Einigung mit dem Züchter bemühen.

Simon Schweizer / Thomas Schwizer
Agroscope, Wädenswil
 / Agroscope, Steinobstzentrum Breitenhof