«Die Eisheiligen sind Zufall.

Der Siebenschläfer nicht.»

SRF-Meteorologe Jürg Zogg versorgt die Schweiz mit seinen Prognosen. Als Nebenerwerbswinzer hat auch er um seine Reben gefürchtet, als die Bisenlage im letzten Mai für Frostnächte gesorgt hat. Nun blickt er gespannt Richtung Monatsende: Dann wird der Sommer entschieden.

SZOW: Jürg Zogg, Sie sind Meteorologe bei SRF und gleichzeitig Nebenerwerbswinzer im St. Galler Rheintal. Wie haben Sie die kalten Nächte im Mai erlebt?
Jürg Zogg: Wir haben natürlich mitgefiebert und bei unserer eigenen Wetterstation beobachtet, wie sich die Temperaturen verhalten. Die heikelste Nacht war jene der «kalten Sophie» vom 15. auf den 16. Mai. Ich befürchtete eine klare, windstille Nacht. Aus dem Jahr 2017 hatten wir noch einen Restbestand von zehn oder elf Frostkerzen, die wir in unserer flachen Parzelle für ein oder zwei Stunden angezündet haben. Es scheint genützt zu haben.

 

Man hat von verschiedenen Gegenden gehört, dass die Frostkerzen heuer im Gegensatz zu 2017 genützt haben. Weshalb?
2017 war Wind im Spiel und es war teilweise auch nass. Es handelte sich nicht um den klassischen Strahlungsfrost, bei dem sich Kaltluftseen bilden. Im Gegenteil, 2017 wurde es kälter, je höher man ging. Da haben die Frostkerzen natürlich nichts genützt. Aufgrund dessen sagte man hernach, Frostkerzen würden nichts nützen. Aber das ist falsch: In klassischen Strahlungsnächten – sternenklar, windstill und mit den typischen Kaltluftseen – ist es unten, also am Talboden, kälter als oben am Hang. Deshalb nützen Frostkerzen. Meine Messungen haben gezeigt, dass die Temperatur lokal um zwei bis drei Grad nach oben gebracht werden konnte.

 

In den letzten vier Jahren kam es rund um die Eisheiligen dreimal zu Frostnächten. Trotzdem sagt die wissenschaftliche Meteorologie, es gäbe keinen Zusammenhang zwischen den Eisheiligen und den Kälteeinbrüchen.
Dass ein Kälteeinbruch genau auf die Eisheiligen gefallen ist, ist tatsächlich Zufall. Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie hat die Kälteeinbrüche bzw. die Frost- oder Bodenfrostnächte im Mai untersucht und ausgewertet. Man hat herausgefunden, dass solche Kälteeinbrüche im Mai relativ häufig vorkommen, jedoch nicht deutlich häufiger rund um die Eisheiligen herum. Dies kann gerade so gut vor oder auch nach diesen Tagen geschehen.

 

Blicken wir voraus. Ende Juni gibt es eine interessante Bauernregel. Sie besagt: So, wie das Wetter am Siebenschläfertag (27. Juni) ist, so wird es sieben Wochen bleiben. Was ist an dieser Bauernregel dran?
Untersuchungen zeigen, dass die meisten Bauernregeln statistisch nicht stimmen. Der Siebenschläfertag ist tatsächlich eine Ausnahme. Allerdings darf man den 27. Juni nicht isoliert betrachten, sondern man sollte die generelle Wettersituation Ende Juni und Anfang Juli vor Augen halten. Dann hat diese Bauernregel tatsächlich eine Trefferquote von etwa 60 bis 70 Prozent. Sie macht auch meteorologisch Sinn: Wenn sich ein Subtropenhoch, das für stabiles Sommerwetter sorgt, bis zu uns ausgedehnt hat, dann ist die Chance relativ gross, dass es ein paar Wochen so bleibt. Wenn sich das Hoch aber nicht eingestellt hat und die Wetterlage von Tiefdruckgebieten bestimmt wird, dann ist der Sommer wechselhafter und kühler.

Zur person

Jürg Zogg ist seit 2004 als Meteorologe bei SRF tätig. Der gebürtige Wiler ist schon seit seiner Kindheit vom Wetter fasziniert. Nach der Matura studierte er an der Universität Zürich Geografie mit Vertiefung Klimatologie und Atmosphärenphysik. Privat interessiert er sich für den Weinbau und besitzt im St. Galler Rheintal einen Wingert mit zwei kleineren Parzellen, auf denen er vor allem Blauburgunder produziert.

Eine entscheidende Rolle in diesem Zusammenhang spielt der sogenannte Jetstream. Was genau versteht man darunter und wieso stellt er sich nicht immer konstant gleich ein?
Der Jetstream ist ein Starkwindband, das rund um die ganze Erdkugel wandert. Es entstehen im Normalfall Wellen mit Wellenbergen und Wellentälern. Der Jetstream ist relativ schnell unterwegs und treibt das Wetter an, häufig mit einer Abfolge von Fronten, Tief- und Hochdruckgebieten. Befindet man sich südlich eines Wellenbergs, dann wird man sonniges und warmes Wetter haben. Nördlich eines Wellentals wird es hingegen wechselhaft und kühl sein. Letztes Jahr befanden wir uns unterhalb des Wellenbergs, folglich war es heiss und trocken. Wie sich der Jetstream positioniert, ist Zufall. Früher vertrat man die Ansicht, dass sich die Wellen bewegen und man eine Abfolge bekommt. Heute gibt es Feststellungen, dass der Jetstream mit dem Klimawandel schwächer wird und grössere Ausbuchtungen sowohl gegen Süden als auch gegen Norden bildet. Dies ergibt dann diese blockierten Wetterlagen. Entweder ist es endlos sonnig, heiss und trocken – was man in der Landwirtschaft nicht schätzt – oder es ist wechselhaft. Entscheidend ist, wie lange man im Wellenberg oder im Wellental «hockt».

 

Sie sagen, Prognosen, die mehr als sieben, allenfalls vierzehn Tage vorausschauen, machen keinen Sinn. Trotzdem die allgemeine Frage: Wie wird der Sommer 2019?
(lacht) Ja, das ist eben schwierig. Es gibt sogenannte Saisonprognosen mit tiefer Trefferquote. Sie bleiben sehr allgemein und sind wissenschaftlich nicht belegt. Dennoch wage ich zu sagen, dass es nicht so einen speziell heissen und trockenen Sommer geben wird wie letztes Jahr. Der Sommer 2018 bleibt wahrscheinlich auch im Zeitalter des Klimawandels eine Ausnahme.

 

Kann man unter dem Strich sagen, dass Winzer und Obstbauern mit der Klimaerwärmung Vorteile haben?
Dies ist eine gewagte Aussage (lacht). Eine Studie besagt, dass es sowohl positive als auch negative Effekte gibt, dass kurzfristig möglicherweise die positiven Effekte überwiegen. Aber mittel- und langfristig werden wahrscheinlich die negativen Effekte überhandnehmen. Generell ist die Vegetationsperiode länger geworden. Im Vergleich zu den 1960er-Jahren haben wir heute zwei bis vier Wochen längere Vegetationsperioden. Das sieht auf den ersten Blick positiv aus. Wenn aber die ganze Entwicklung zwei Wochen früher einsetzt, dann ist auch die Frostgefahr bei einem Kälteeinbruch grösser.

 

Welche Gefahr ist nun grösser: Dass die Schweiz irgendwann austrocknet oder dass es sehr viel feuchter wird?
Die Berechnungen zeigen, dass die Winter eher nässer und die Sommer eher trockener werden. Zusätzlich zeigt sich, dass die Häufigkeit und die Intensität von einzelnen Niederschlagsereignissen zunehmen. Wenn Luft ein Grad wärmer wird, kann sie sechs bis sieben Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Folglich wird die Unwettergefahr grösser. Laut den Berechnungen werden die Sommer zwar trockener, jedoch kann es weiterhin heftige Hagel- oder Gewitterstürme mit Überschwemmungen oder Erdrutschen geben.

 

Was überwiegt bei Ihnen: die Hoffnung oder die Furcht?
Ich würde sagen, wir müssen schon schauen, dass die Situation nicht komplett aus dem Ruder läuft.

 

MARKUS MATZNER
Chefredaktor Obst- und Weinbau