«Schweizer Kirschen sollen

ein AHA-Erlebnis ermöglichen.»

Hansruedi Wirz, Präsident des Produktezentrums Kirschen/Zwetschgen des Schweizer Obstverbands und von Swisscofel, erwartet trotz der kühlen Maiwochen eine gute Kirschenernte. Um den einheimischen Marktanteil zu erhöhen, sind qualitätssteigernde Massnahmen aber unerlässlich. Diese betreffen nicht nur die Produzenten, sondern auch den Handel und die Detaillisten.

SZOW: Wir stehen hier in einer Kirschenanlage auf Ihrem Hof, der auf 650 Meter ü.M. liegt. Alles sieht trotz der kühlen Maiwochen erfreulich aus. Oder täuscht der Eindruck?
Hansruedi Wirz: Nein, Sie sehen das richtig. Der Blütenansatz war sehr gut. Der März war super, doch dann hat das Wetter umgeschlagen. Es gab mehrere Frostnächte, doch glücklicherweise fielen die Temperaturen nicht zu tief, sodass sich die Schäden in Grenzen hielten. Somit haben wir relativ gute Ernteaussichten im jetzigen Moment.

 

Was heisst das tonnenmässig?
Wir erwarten eine Tafelkirschenernte von 2600 t. Das ist etwas mehr, als wir letztes Jahr geerntet haben. Damals waren es 2520 t, wobei wir weniger geschätzt haben. Erreichen wir das diesjährige Ziel, kann man von einer guten Kirschenernte reden. Bezüglich der Klassierungen sieht das folgendermassen aus: Tafelkirschen 28+ liegen bei 1100 t, Tafelkirschen 24+ bei 1320 t, Tafelkirschen 22+ bei etwas unter 180 t.

 

Diese Prognosen basieren auf Schätzungen, die Ende Mai gemacht wurden. Im Juni wird es eine zweite Schätzung geben. Was erwarten Sie da?
Die Vegetation weist im Gegensatz zum letzten Jahr einen Rückstand von zehn Tagen auf. Gerade bei den späten Sorten musste die erste Schätzung zu früh erfolgen. Das bisherige Wetter bedeutete für die Bäume eine Stresssituation und aus Erfahrung weiss man, dass deshalb der natürliche Fruchtfall etwas höher liegen dürfte. Somit könnte die zweite Schätzung etwas tiefer liegen. Aber ich möchte betonen, dass selbst bei einer tieferen Schätzung von 200 t die Ernte immer noch gut wäre.

 

Was sind denn die Kriterien, die den Fruchtfall beeinflussen?
Neben der Wärme und dem Licht ist der Ernährungszustand der Bäume entscheidend. Um den Bäumen den Stress zu lindern, haben wir mit mehreren Blattdüngungen nachgeholfen. Gerade in kühlen Zeiten ist es für die Bäume schwierig, die Nährstoffaufnahme zu bewerkstelligen. Umso wichtiger ist die Vitalität des Baums.

 

Anlässlich der Breitenhoftagung haben Marcel Jampen von Swisscofel und Hubert Zufferey vom Schweizer Obstverband festgehalten, dass eine weitere Marktsteigerung nur möglich sei, wenn auch die Qualität gesteigert werde. Was bedeutet das für die Produzenten?
Betrachtet man das Potenzial der Kirschbäume, die in den letzten Jahren gesetzt worden sind, dann haben wir, wenn alle ins tragfähige Alter kommen, eine Leistungsfähigkeit von einiges über 3000 t. Wenn wir das in der Schweiz vermarkten wollen, dann müssen wir den Konsum steigern. Was die beiden Herren aufzeigten, ist letztlich die Meinung des Produktezentrums, bei dem neben den Verbänden auch Agroscope und die Produzenten, der Handel und der Detailhandel vertreten sind. Wir haben Kriterien erarbeitet, um die Qualität messen zu können, z.B. die Festigkeit. Kirschen dürfen nicht weich in die Läden kommen. Der innere Wert muss stimmen. Schweizer Kirschen sollen ein Aha-Erlebnis ermöglichen, das ist wichtig. Um das zu erreichen, braucht es je nach Sorte eine Behangsregulierung. Dieses Denken ist bei den Kirschen im Gegensatz zu den Zwetschgen noch nicht so verbreitet. Behangsregulierung bedeutet, dass bei bestimmten Sorten eine gewisse Menge an kleinen Früchtchen entfernt wird, damit die restlichen gut versorgt sind und sich vorteilhaft entwickeln können.

Zur person

Hansruedi Wirz betreibt mit seiner Familie einen Obstbau- und Brennereibetrieb im Baselbieter Reigoldswil. Daneben ist er Präsident des Produktezentrums Kirschen/Zwetschgen des Schweizer Obstverbands und von Swisscofel.

Ein weiterer Punkt, den die Autoren ansprechen, ist eine funktionierende Kühlkette vom Lager bis zum Händler. Stellt das immer noch ein Problem dar?
Die Kühlkette beginnt bereits auf dem Hof nach der Ernte. Bei uns kommen die geernteten Kirschen nach spätestens zwei Stunden in die Kühle, gelangen dann zum Händler, der sie in einem Kühlraum zwischenlagert und abpackt. Wo wir noch Probleme sehen,ist bei den Läden. Da sind die Kirschen teilweise nicht mehr in der Kühle. An diesen Schwachstellen müssen wir arbeiten.

 

Sie sprechen die Detailverkäufer an. Braucht es eine bessere Schulung für die Verkäufer?
Das muss man sicher ins Auge fassen. Das Problem ist der Zeitfaktor. Im Produktezentrum sind die beiden grossen Detaillisten Coop und Migros auch vertreten. Wahrscheinlich werden wir nicht darum herumkommen, Schulungen anzubieten. Aber die Frage stellt sich, in welchem Rahmen das Sinn macht.

 

Ein wichtiger Punkt ist die Konkurrenz aus dem Ausland, die immer noch einen Marktanteil von 50% hält. Ihnen den Markt streitig zu machen, wird wohl nur über den Preis möglich sein. Allderdings sind inländische Früchte in der Regel teurer. Wie soll das funktionieren?
Der grosse Teil der Importe findet vor unserer Ernte statt. Dann haben wir einen Grenzschutz. Wenn genug einheimische Kirschen vorhanden sind, stellen die meisten Grossverteiler auf Schweizer Kirschen um. Zudem ist augenfällig, dass bei den Kirschen der Preis nicht das erste Kriterium ist. Viel wichtiger ist, dass sie schön sind und «gluschtig» machen. Natürlich darf der Preis nicht ins Grenzenlose steigen, aber das Aussehen, die Qualität und die Frische sind ebenso wichtig. Auf der anderen Seite muss man auch sehen: Gerade die grossfruchtigen Sorten rechtfertigen eine Preissteigerung. Wenn man bedenkt, dass die Pflanzung einer Hektare Kirschen inklusiv Bewässerung und Witterungsschutz 100'000 Franken kostet, braucht es einen gewissen Preis, um eine Wertschöpfung zu generieren. Ganz abgesehen davon, dass die Löhne für unsere Erntehelfer und den Betriebsleiter höher sind als jene in Spanien.

 

Sie sind Präsident des Produktezentrums des Obstverbands und von Swisscofel. Was möchten Sie den Produzenten auf den Weg mitgeben?
Unser Ziel ist, den Konsum zu steigern. Das erreichen wir nur, wenn wir die Konsumenten von unseren Kirschen überzeugen können. Sie müssen begeistert sein, sodass sie nicht nur einmal Kirschen kaufen, sondern ein zweites und auch ein drittes Mal. Gerade im Sommer gibt es eine breite Früchtepalette, da müssen sich die einheimischen Früchte behaupten.

 

Sie sind auch Brenner, stellen eine grosse Palette von Bränden her. Wie ist die Situation hier?
Letztes Jahr konnte man bei allen Sorten sehr grosse Mengen ernten. Gerade bei den Brennkirschen konnten die Lager wieder gefüllt werden. Bei diesen eine gute Schätzung zu machen, ist allerdings schwierig. Wahrscheinlich wird es heuer weniger Früchte geben. Ein grosser Teil der Brennkirschen kommt in der Regel von Hochstammbäumen. Diese weisen oft ein gewisses Alter auf, reagieren auf Stresssituationen noch empfindlicher, vor allem, wenn sie nicht so gut ernährt sind. Um sie zu ernten, muss das Wetter stimmen, zudem haben die Brennkirschen auf den Höfen nicht erste Priorität. Der Bauer erledigt zuerst andere Arbeiten, hat dann vielleicht keine Zeit, um diese Kirschen zu ernten. Letztes Jahr blieb es trocken, sodass die Früchte nicht verdarben, bis man Zeit fand, sie von den Bäumen zu holen. Ich gehe von einem Potenzial von 2500 bis 3000 t aus.

 

 

TRADUCTION

Des cerises suisses à croquer pour faire craquer le consommateur

Hansruedi Wirz, président du Centre de produits cerises/pruneaux de la Fruit-Union Suisse et  Swisscofel, s'attend à une bonne récolte de cerises malgré un mois de mai frais. Toutefois, pour accroître la part de marché suisse, des améliorations qualitatives sont nécessaires tant au niveau des producteurs que des commerçants et des détaillants.

MARKUS MATZNER
Chefredakteur Obst- und Weinbau