«Wädenswil hat viel zu bieten»

Philipp Kutter ist nicht nur Stadtpräsident von Wädenswil, sondern auch CVP-Nationalrat. Somit steht er im Zentrum, wenn es um den Forschungs- und Arbeitsplatz Wädenswil geht, der mit der ­Umstrukturierung von Agroscope stark unter Druck ­geraten ist. Kutter hofft auf eine sinnvolle Lösung.

SZOW: Herr Kutter, Sie sind Stadtpräsident von Wädenswil, gleichzeitig Nationalrat (CVP), führen zusammen mit Ehefrau Anja eine Kommunikations-Agentur und haben zwei Kinder: Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?
Philipp Kutter: (lacht) Nein, das hat er nicht, und es ist tatsächlich nicht immer ganz einfach, alles unter einen Hut zu bringen, aber wir arbeiten jeden Tag daran. Ich bin Stadtpräsident im Halbamt, daneben Nationalrat, was die andere Hälfte der Woche beansprucht. In unserer kleinen PR-Agentur bin ich quasi nur noch ­Assistent.

 

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Wädenswil den Ruf einer führenden Forschungsstadt betreffend Wein- und Obstbau. Doch dann begann ein Umwälzungsprozess, der bis heute anhält. Wo wird das enden?
Dies ist eine Frage, die mich sehr stark beschäftigt und mir auch Sorgen bereitet. Man spürt, dass an der Institution Agroscope viele verschiedene Kräfte zehren. Ich engagiere mich stark, dass nicht ­alles Bestehende über Bord geworfen wird, was über viele Jahrzehnte aufgebaut worden ist. Agroscope identifiziert man mit dem Standort Wädenswil. Ich setze mich dafür ein, dass dies auch in ­Zukunft so bleibt.

 

Der Plan betreffend Agroscope ist Folgender: Posieux im ­Kanton Freiburg wird zum neuen Hauptstandort, Reckenholz/ZH und Changins/VD werden zu sogenannten Hubs. Wädenswil würde in die «dritte Liga» absteigen und als Satellit agieren. Was würde dies Ihrer Meinung nach bedeuten?
Ich musste die Neuorientierung zur Kenntnis nehmen, natürlich mit einem gewissen Bedauern. Umkehren kann man die Entwicklung meiner Meinung nach nicht ganz. Die Struktur mit dem zentralen Campus und den beiden regionalen Zentren ist in etwa gegeben. Für mich ist darum viel entscheidender, wie die Satelliten oder regionalen Forschungsstationen aussehen werden: Wie sind sie dotiert? Wie viele Leute werden dort arbeiten? Was sind die Forschungsaufgaben? Welche Themen stehen im Fokus? Wenn diese Satelliten ein gutes Eigenleben und eine gewisse, kritische Grösse haben, dann würde ich behaupten, dass wir trotz allem zufrieden sein können.

 

Sie sind ja auch als Nationalrat in Bern tätig. Wie ist denn in Bundesbern die Stimmung bezüglich des Umbaus von Agro­scope?
Es hat besonders im letzten Jahr eine grosse Unruhe gegeben, als der Plan einer vollkommenen Zentralisierung von Agroscope die Runde gemacht hat. Nun, mit dem neuen Modell, hat es sich relativiert. Ich bin nach wie vor der Meinung, es sei noch zu früh, um Entwarnung zu geben. Es muss sich erst zeigen, wie die «neue» Agroscope ausgestaltet ist. Hierbei kämpfe ich dafür, dass man nicht zu viel Regionalpolitik betreibt, sondern dass man die fach­lichen Argumente in den Vordergrund rückt. Aus meiner Sicht ist die landwirtschaftliche Forschung ein Spezialfall und muss dezentral stattfinden. Ich hoffe, dass man dieser Sichtweise Rechnung trägt und nicht blind zentralisiert.

 

In welchem Zeithorizont denken Sie da?
Wenn man das neue Konzept umsetzen möchte, braucht es relativ grosse Investitionen in Posieux. Dies bedarf der politischen Genehmigung und wurde noch nicht zugesprochen. Deshalb denke ich, dass man noch Zeit hat, die Details auszutarieren. Auf der anderen Seite merke ich auch, dass aus dem Departement sehr viel Wille da ist, um vorwärts zu machen.

Zur person

Philipp Kutter ist Historiker und Journalist, seit 2010 Stadtpräsident von Wädenswil und seit Sommer 2018 Nationalrat der CVP. Neben der Familien- und Bildungspolitik ist ihm die Wirtschaftspolitik ein Anliegen. Als Mitglied des Gewerbeverbands engagiert er sich für eine nachhaltige Wirtschaft und kämpft für einen Weiterbestand von Agroscope in Wädenswil. Mit seiner Ehefrau führt er eine Kommunikationsagentur und ist Vater von zwei Kindern.

Haben Sie das Gefühl, dass man noch mit den involvierten ­Akteuren diskutieren kann?
Ich bin bei diesen Gesprächen nicht immer direkt involviert, aber meine Wahrnehmung ist, dass man noch miteinander sprechen kann, ja. Die Standorte selbst sind grundsätzlich definiert, die Ausgestaltung der Standorte muss jedoch noch reifen. Natürlich setze ich darauf, dass wir in der Deutschschweiz, im Grossraum Zürich und speziell in Wädenswil viel zu bieten haben.


Sie sprechen von den fachlichen Leistungen von Agroscope. Was sukzessive abgebaut wurde, ist die Forschungstätigkeit in den Bereichen Wein und Önologie. Die hat man nach Changins verlegt. Wie sehen Sie das als Deutschschweizer Politiker?
Wenn ich mich richtig erinnere, ist die Idee, die Weinbauforschung nach Changins zu verlegen, bereits in den 1990er-Jahren entstanden. Dies ist bedauerlich. Es hat sich nun eine Gegenbewegung entwickelt, weil die Deutschschweizer Weinbauern zu Recht sagen, dass die Bedingungen in den Schweizer Regionen nicht überall identisch sind. Die Deutschschweizer Weinbauern haben eigene Bedürfnisse und brauchen eigenständige Informationen, die regionale Begebenheiten berücksichtigen. Aus diesem Grund ist das Weinbauzentrum (WBZW) in Wädenswil entstanden. Das WBZW hat Bereiche von Agroscope und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) übernommen, ist eine gute Sache, aber ein zartes Pflänzchen.

 

Sie sagen es: Die Finanzierung des WBZW ist nur bis 2021 gesichert. Wie kann es längerfristig überleben?
Wenn die Deutschschweizer Weinbauern das Zentrum als Bereicherung und Gewinn für die Branche betrachten, dann wird die Weiter­finanzierung funktionieren. Möglicherweise können auch die Kantone und weitere Akteure zur Finanzierung miteingebunden werden.

 

Blicken wir nach vorne: Wie könnte der Forschungsstandort Wädenswil in fünf Jahren aussehen?
Ich würde es sehr begrüssen, wenn ein interdisziplinäres Zentrum etabliert wird, mit dem Arbeitstitel «AgroFood». Es gibt bereits das «AgroVet», einen Zusammenschluss des Universitätsspitals, der Eidg. Technischen Hochschule (ETH) und des Strickhofs. In vergleichbarer Konstellation könnte in Wädenswil Ähnliches entstehen, aber mehr aus den Spezialkulturen heraus. Wenn man ein solches Zentrum etablieren könnte, interdisziplinär oder interinstitutionell, wenn also Agroscope noch stärker kooperieren würde mit der ZHAW, mit der Berufs­bil­dung und der beruflichen Weiterbildung sowie mit dem WBZW, dann könnte möglicherweise trotz des teilweisen Rückzugs von Agroscope vom Standort Wädenswil am Schluss etwas Zukunftsgerichtetes entstehen. Wenn ich nach Lindau sehe, wo der AgroVet-Strickhof entstanden ist, so sehe ich überall Lob für die zukunftsgerichtete Kooperation. Wie man es bei den Nutz­tieren macht, so könnte man es auch bei Gemüsen und Früchten an­gehen.

 

2020 werden zwei Initiativen sehr grossen Einfluss auf die gesamtschweizerische Landwirtschaftspolitik haben. Die Rede ist von der «Trinkwasserinitiative» und der «Pestizidinitiative». Welche konkreten Auswirkungen hätten die beiden Initiativen auf die Deutschschweizer Landwirtschaft und auf den Standort Wädenswil?
Die Initiativen haben eine klare Botschaft und greifen ein Unbe­hagen auf, das in der Bevölkerung weit verbreitet ist: Die Menschen legen immer mehr Wert auf gesunde Lebensmittel und auf eine nachhaltige Produktion. Sie möchten, dass die Umwelt nicht belastet wird, beispielsweise durch Pestizide. Obschon mir die Initiativen grundsätzlich sympathisch sind, muss ich feststellen, dass sie radikal formuliert sind. Wenn man beide Initiativen 1 : 1 umsetzen würde, hätte das massive Einschnitte für die Landwirtschaft zur Folge. Es sollte versucht werden, den Anliegen der Bevölkerung mit guter Forschung und mit Innovation Rechnung zu tragen. Gerade bei Agroscope in Wädenswil wird in Bezug auf Pflanzenschutz und Pestizide sehr viel geforscht. Die brennende Frage dabei ist: Wie kann man mit weniger oder gar ganz ohne Pestizideinsatz produzieren? Wenn man den Initiativen und den Sorgen der Bevölkerung wirklich begegnen möchte, muss man zeigen können, dass eine ernsthafte Problemlösung betrieben wird. Deshalb ist es mir wichtig, dass nicht die Meinung entsteht, dass Agroscope kurz vor der Auflösung steht. Agroscope und die entsprechende Forschung wird bei der Lösung dieser Fragen helfen können – und gerade deshalb ist es mir wichtig, dass wir Agroscope weiterhin pflegen.

 

 

 

MARKUS MATZNER
Chefredakteur Fachzeitschrift Obst- und Weinbau