Die Müller-Thurgau-Stiftung: «Damit’s allen gut geht»

Der Pflanzenwissenschaftler Lukas Bertschinger arbeitete in der internationalen Kartoffel- und Getreideforschung, bevor er viele Jahre auf verschiedenen Posten zuerst bei der Forschungsanstalt Wädenswil, dann bei Agroscope tätig war, zuletzt als Delegierter für nationale und internationale Forschungszusammenarbeit. Seit nunmehr einem Jahr ist er Stiftungsratspräsident der 2019 gegründeten Müller-Thurgau-Stiftung, die zum Zweck hat, den Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis auszubauen und innovative Projekte zu unterstützen.

SZOW: Lukas Bertschinger, seit November 2019 gibt es die Müller-Thurgau-Stiftung. Sie geht, der Name sagt es, auf Hermann Müller zurück, der in Wädenswil vor mehr als hundert Jahren tätig war. Warum widmet man ihm noch heute eine Stiftung oder pointiert gefragt: Ist Müller nicht Schnee von gestern?

Lukas Bertschinger: Müller-Thurgau ist aktueller denn je! Er war so etwas wie ein Alfred Escher der Pflanzenbauwissenschaften. In Anlehnung an Louis Pasteur wurde er der «schweizerische Pasteur» genannt, weil er als Erster die biologischen Ursachen der Alkoholgärung von Frucht- und Traubensäften entdeckte. Müller-Thurgau hat einen Forschungsgeist kreiert, der engagiert und erfolgreich Lösungen für Probleme des Pflanzenbaus und der Ernährungswirtschaft entwickelt hat. Seine Nachfolger haben diese Haltung in Wädenswil vertieft und überraschten wiederholt mit neuem Wissen und Innovationen, von denen einige sogar weltweit aufhorchen liessen. Die heutige Land- und Ernährungswirtschaft steht vor grossen Herausforderungen, da brauchen wir Antworten.

 

Müller-Thurgau war ja eine Art Allrounder, forschte im Obst- wie im Weinbereich, untersuchte auch das Feld der alkoholfreien Moste: Was halten Sie persönlich für seine wichtigste Tat/Entdeckung?

Müller-Thurgau hatte nicht nur eigene Ideen, er konnte Wissen verständlich weitergeben und andere begeistern. Er schuf Wissen und stellte es der Gesellschaft zur Verfügung. Er erkannte auch, dass Lehre und Forschung zusammengehören. Wie er Wissenschaft und Praxis verband, war richtungsweisend. Heute würde man von «Impact» sprechen. Er und seine Nachfolger haben mit dem Blick aufs Ganze die Transformation der «Agro-Food Systeme» vorangebracht, mit einem Fokus auf den Spezialkulturen. Ich betrachte das als Müller-Thurgaus grössten Verdienst. Auf fachlicher Ebene waren natürlich die Züchtung der nach ihm benannten Weissweinsorte Müller-Thurgau (notabene immer noch die weltweit am weitesten verbreitete moderne Weissweinsorte) bahnbrechend.

 

Die Stiftung möchte die Forschung rund um die Spezialkulturen fördern. An einem Standort, der durch das Weinbauzentrum, durch die ZHAW und Agroscope schon Akteure in diesem Bereich hat.

Es geht uns nicht nur um diesen Standort. Die Landschaft der Akteure im Bereich Spezialkulturwissen verändert sich. Sie wird vielfältiger, droht sich aber auch zu verzetteln. Neue Akteure entstehen, andere positionieren sich neu. Gleichzeitig ist der Druck für praxistaugliche Problemlösungen in der Landwirtschaft hoch. Denken wir nur an die Problematik der Pflanzenschutzmittel. Solche Lösungen müssen von mehreren Akteuren zusammen interdisziplinär erarbeitet werden, sonst werden sie nicht von der Landwirtschaft und gleichzeitig von der breiten Öffentlichkeit getragen. Es gibt noch keine Stiftung, die mit diesem Ansatz Forschung und Entwicklung für die Transformation der «Agro-Food Systeme» unterstützt, mit einem Fokus auf den Spezialkulturen. Die Stiftung ist unabhängig und nur ihrem Zweck verpflichtet. Damit ist sie auf die oben erwähnte Situation zugeschnitten. Spezialkulturen bieten ein sehr hohes Wertschöpfungspotenzial und sind nah am Markt. Sie können darum ein Türöffner für die Food-Systeme der Zukunft sein und sie sind zentral für eine gesunde Ernährung.


Agroscope wird Wädenswil im Laufe der kommenden Jahre verlassen bzw. wird ihre Forschungsanstrengungen verlagern. Was wird das für eine Lücke hinterlassen?

Der Stiftungsrat konzentriert sich auf die Gesamtsituation aller Wissensakteure. Zweifellos ist der Rückzug von Agroscope für den Innovationsraum Wädenswil und Umgebung und für den oben erwähnten Forschungsgeist von Müller-Thurgau ein Verlust. Die bestehenden Synergien vor Ort leiden, aber die gesamte Wissenslandschaft verändert sich. Die öffentliche Praxisforschung für Spezialkulturen und die Lebensmittelverarbeitung wird das zu spüren bekommen, mindestens zu Beginn. Künftig wird es wichtig sein, dass sich für ein Projekt mehrere Akteure zusammen tun, um tragfähige Resultate zu ermöglichen. Das ist der Förderansatz der Müller-Thurgau Stiftung. Künftig wird es wichtig sein, dass sich für ein Projekt mehrere Akteure zusammementun, um tragfähige Resultate zu ermöglichen.

Zur person

Der Pflanzenwissenschaftler Lukas Bertschinger arbeitete in der internationalen Kartoffel- und Getreideforschung, bevor er viele Jahre auf verschiedenen Posten zuerst bei der Forschungsanstalt Wädenswil, dann bei Agroscope tätig war, zuletzt als Delegierter für nationale und internationale Forschungszusammenarbeit. Seit nunmehr einem Jahr ist er Stiftungsratspräsident der 2019 gegründeten Müller-Thurgau Stiftung, die zum Zweck hat, die Forschung und Entwicklung von Spezialkulturen zu fördern. Weitere Informationen unter: www.muellerthurgaustiftung.ch

Wahrscheinlich ist es in Zeiten von Corona nicht einfacher geworden, Gelder zu finden. Dennoch muss die Stiftung sogleich von sich reden machen und loslegen. Was ist der Stand der Dinge?

In der Tat: Liebe Leserin, lieber Leser: Wir brauchen Ihre Unterstützung! Damit heimische Spezialkulturen weiterhin profitabel angebaut werden können und sie noch stärker zu gesunder Ernährung und unserem Erholungsraum mit intakten Landschaften beitragen können. Die Akquisition von Geldern hat für den Stiftungsrat zurzeit höchste Priorität. Denn mit den begrenzten Mitteln unseres Gründungskapitals können wir keine Projekte fördern. Es braucht eine Grundfinanzierung für eine schlanke Geschäftsstelle und ein Sponsoring für ausgewählte Themenbereiche (z.B. die Gemüsebauforschung oder die Förderung der Biodiversität). Umso mehr freut es uns, dass wir trotz Corona-Pandemie die Fondation Sur-la-Croix als Partner zur Unterstützung von zwei Projekten gewinnen konnten, die nun in der Umsetzung sind.


Um welche Projekte handelt es sich da?

Bei den zwei bereits geförderten Projekten geht es um den Praxistest einer neuen Pflanzenschutzstrategie im Weinbau, die zu weniger Pestizidrückständen im Wein führen soll bei unverändertem Schutz der Reben sowie um eine digitale Monitoringmethode für die Kirschessigfliege. Die inhaltlichen und formalen Förderkriterien werden wir künftig zusammen mit den Projektausschreibungen publizieren. Im Grundsatz geht es darum, sicherzustellen, dass ein Projekt den Stiftungszweck erfüllt, d.h. beiträgt, den Erhalt, die Förderung und die Weiterentwicklung des kulturellen und intellektuellen Erbes von Prof. Hermann Müller-Thurgau zu sichern.


In welche Richtung soll sich die Stiftung mittelfristig weiterentwickeln?

Die Stiftung fördert gemeinnützige Projekte, die sowohl für Branchen als auch für die Gesellschaft relevant sind. Die konkreten Themen können sich im Verlauf der Zeit, je nach Aktualität, ändern. Wir wollen zu einer relevanten Plattform für die Forschung mit Spezialkulturen und Lebensmitteln werden. «Heisse» Förderbereiche gibt es aus heutiger Sicht genug, z.B.: Pestizideinsatz, Bienensterben, Biodiversitätsverlust, veränderte Klimabedingungen, Bodenfruchtbarkeit, knapper werdende Ressourcen, regenerative Anbausysteme, Digitalisierung etc. Die Themen können sich im Verlaufe der Zeit ändern, der Schwerpunkt bleibt gleich: Die Transformation von «Agro-Food Systemen» mit Fokus Spezialkulturen, zum Wohle künftiger Generationen. Der Claim unserer Stiftung lautet nicht umsonst: «Damit’s allen gut geht» - dank Forschung für Nahrung, Landschaft und Umwelt.

 

Wenn wir in zwei, drei Jahren ein weiteres Interview durchführen: Was möchten Sie bis dann erreicht haben bzw. was soll aufgegleist sein?

Wir wollen, dass man dann weiss: Es gibt uns, man kennt uns, wir bewirken etwas! Unsere Aufbauplanung reicht zurzeit über 15 Jahre. Innerhalb zwei bis drei Jahren etablieren wir uns mit einer schlanken Geschäftsstelle und einem steigenden Fördervolumen. Neben einer Grundfinanzierung und Sponsoringeinnahmen werden wir einen Stamm an Gönnerinnen und Gönnern aufgebaut haben. Erste Partnerschaften und Allianzen sind entstanden. Die Stiftung hat sich im Netzwerk von öffentlichen und privaten Forschungs- und Wissensakteuren und Branchen etabliert.

Markus Matzner
Chefredaktor Fachzeitschrift Obst- und Weinbau